(Philosophische) Diskussion um Corona: Timeline Februar-April

30.04.2020

In diesem Beitrag tragen wir eine Auswahl der zahlreichen Beiträge der philosophischen und soziologischen Diskussion zu und um das Coronavirus zusammen und liefern teilweise eine kurze Zusammenfassung der Beiträge. Wir vollziehen dabei den Gang der Kontroverse vor allem (aber nicht nur) anhand der Debatte nach, die sich ausgehend von dem Beitrag “The Invention of an Epidemic” des italienischen Philosophen Giorgio Agamben entwickelt hat.

(Philosophische) Diskussion um Corona: Timeline Februar-April

Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern versuchen uns in die zahlreichen Versuche der Dokumentation und Zusammenfassung der letzten Wochen einzubringen. Es sei daher auch ergänzend auf die Sammlungen der soziologischen Beiträge von Soziopolis (Teil I, II, III, IV & V) und die Arbeit von “The Syllabus” verwiesen. Unsere Sammlung wird kontinuierlich aktualisiert und ergänzt, weswegen wir uns auch über Hinweise freuen.

Die Frühphase der Beiträge dreht sich besonders um die Frage der Biopolitik, wie sie von Foucault eingeführt worden ist, und zuvorderst Agamben sieht sie im herbeigeführten Ausnahmezustand umgesetzt. Andere erkennen in den Reaktionen Zeichen der zwischenmenschlichen Solidarität und erwarten daher gesellschaftliche Progression (bspw. Slavoj Žižek) oder ziehen Parallelen zur ökologischen Krisen (bspw. Bruno Latour).

Februar

Wir befinden uns in einem staatlich/medialen Modus der Panik, der durch die Gefährlichkeit des Virus (“eine Art Grippe”) nicht gerechtfertigt ist. Zwei Gründe sind dafür verantwortlich, dass es dazu kommen konnte: die Regierung(en) befinden sich in einem permanenten Ausnahme-, und die Menschen in einem Angstzustand. Der Angstzustand braucht Momente der Panik, und dafür ist eine Epidemie der perfekte Rahmen. 

Leider ist das Virus keine erfundene Epidemie, tatsächlich ist es eine “wirkliche” Epidemie. Das Außergewöhnliche, das Agamben in den (staatlichen) Reaktionen auf die Krise erfunden sieht, ist heute tatsächlich der Normalzustand.

Nancy lehnt den Begriff “Biopolitics” ab, obwohl er eine offensichtlich in den letzten Jahrhunderten verstärkte Verzahnung von Biologie und Politik beschreiben kann. Die staatliche Raktion auf das Virus in Italien hat jedoch eher den Anschein eines “Zusammenbrechens” von Autorität als einen totalitären. 

März

Das bisher Bekannte über das Virus ist kein Anlass zur Panik. Genau das, was man nicht weiß, ist Grund zur Sorge. In Panik sein (vor dem Virus), kann dann, wenn alle um einen herum in Panik sind, ein Akt des “Kümmerns” und rational sein. Daher ist es falsch von der Reaktion als unterdrückender Konspiration (“Ausnahmezustand”) zu sprechen. Angst haben, muss man rationalerweise vor den ökonomischen Folgen. Eine andere Entwicklung werden die ergriffenen Maßnahmen aber verstärken: Den Trend zur “Abgeschiedenheit” (Seclusion) in dem wir uns im Home-Office mit Amazon und Netflix bereits befanden.  

Unübersichtlichkeit die aus dem Ende der bi-polaren Welt resultierte wird vielleicht jetzt erst wirklich sichtbar. Geo-konflikte, Klimakrise und „jetzt also Corona“. Lessenich verweist ferner auf Ressentiments gegenüber China, das als Symbol der Auflösung der bi-polaren Welt gelesen werden kann. Außerdem weist er auf koloniales Erbe hin. 

Ab jetzt ist jeder (soziale) Kontakt eine Gefahr. Es gibt nur noch einen Wert für das (Über-)Leben, und das ist das pure Leben selbst. Aber was ist mit anderen Werten? Und wie wägt man sie gegeneinander ab? 

  • 11.03: Giogrio Agamben: Contagio (Ansteckung)

Im anderen steckt die Gefahr der Ansteckung und dieser Zustand ist seit der Pest bekannt in Italien. Damals wurde staatlicher Terror dadurch gerechtfertigt, und heute staatlich verordneter physischer Abstand. Es verschwindet dadurch die Möglichkeit jeder Ansteckung - jeden Kontaktes (“ogni contagio - ogni contatto”). 

Zizek kritisier Agamben und sieht Kommunismus als Lösung bzw. Ausweg aus der Krise. Darunter versteht er einen kollektiven, koordinierten und umfassenden Ansatz der Regierung einschließlich der lokalen Mobilisierung von Menschen außerhalb staatlicher Kontrolle sowie starke und effiziente internationale Koordination und Zusammenarbeit.

Der einzige Wert der noch zählt ist das nackte Überleben, und Italiener sind bereit jeden anderen Wert ihren Alltags dafür zu opfern, der andere ist lediglich noch eine Gefahr zur Ansteckung. Der Ausnahmezustand ist der neue Normalzustand geworden, aber ein Leben im Ausnahmezustand kann nicht frei sein. Es ist daher keine Überraschung, dass wir über das Virus in der Terminologie des Krieges sprechen. Die größte Gefahr besteht in den Maßnahmen, die nach der “Ausnahme” bestehen bleiben werden. 

Kritisiert hier unverantwortliches Verhalten, etwa Corona-Partys, sieht daher die Notwendigkeit von Verboten, die er jedoch nicht rein positiv sieht.

Der Virus an sich ist egalitär, wird allerdings diskriminierend durch die Menschen. Butler verweist darauf, dass sich entlang von Rassismus, Xenophobie oder Klassismus diskriminierende Mechanismen zeigen könnten, sobald es einen Impfstoff gibt. In diesem Sinne positioniert sie sich hinter Sanders und Medicare-for-all.

“As Marxist geographer David Harvey argues, forty years of neoliberalism has left the public totally exposed and ill prepared to face a public health crisis on the scale of coronavirus.”

Hebt hervor, dass unsere Entscheidungen jetzt anhaltende Konsequenzen auch nach der Krise haben werden: es gilt zu entscheiden zwischen „totalitarian surveillance and global security“ und zwischen „nationalist isolation and global security“. Warnt vor den Möglichkeiten digitaler Überwachung und argumentiert, dass es auch ohne gelingen kann, den Virus einzudämmen. Ferner weist er auf die Notwendigkeit von globaler Solidarität hin.

Er argumentiert hier u.a., dass es wichtig sei die politische Dimension des Shut-Down zu berücksichtigen (nicht alternativlos). Ferner sei Risikomanagment in den letzten Jahren individuelle Angelegenheit gewesen, weswegen es jetzt schwer fällt im Kollektiv zu denken. Auch schärfe die Krise das Bewusstsein, dass staatliche Regulation notwendig ist.

Warnt vor digitaler Überwachung und kritisierte die alten Vorstellungen von Souveränität. „Die Solidarität, von einander Abstand zu nehmen, ist keine Solidarität, die von einer anderen, friedlicheren, gerechteren Gesellschaft träumen ließe. Wir können die Revolution nicht dem Virus überlassen.“

Die aktuelle Krisen Situation ist kein Ereignis. Badiou argumentiert, dass der Virus weder besonders noch überraschend und mit keinerlei (politischer) Veränderung zu rechnen ist.

Ganz im Sinne der “klassischen” Argumente und prototypisch gegen Agamben argumentiert auch Bevenuto für ein “Avoiding is the new Social” im positiven Sinne. 

Illouz kritisiert, dass in den letzten Jahren das Gesundheitssystem heruntergespart wurde. Sie kommentiert die Lage in Israel und kritisiert die Netanjahu-Regierung. Ferner ist sie der Meinung, dass nur “koordinierte internationale Reaktion“ auf zukünftige Krisen vorbereiten kann sowie, dass „wir den gewaltigen Reichtum, den private Akteure angehäuft haben, in öffentliche Güter reinvestieren müssen“.

Beschäftigt sich hier ausgibig mit Foucaults Konzept der Bio-Politik und plädiert für Vorsicht im Umgang mit dem Konzept. Auch sei nicht klar, ob es überhaupt auf die jetzige Situation angewandt werden könne.

Weist auf die beiden möglichen Konsequenzen – Authoritarismus oder Sozialere Wirtschaft – hin.

Merkt an, dass der Grundrechtseingriff  „ohne angemessene gesetzliche Grundlage“ erfolgt und kommentiert die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes;

Latour wirft die Frage auf, ob die aktuelle Krise als Probe für die Klima-Krise gelesen werden könnte. Anhand Macrons 'Krieg gegen das Virus' illustriert er, dass es Grund gebe pessimistisch zu sein. Schließlich müsste die Menschheit sich im Falle der ökologischen Krise gegen (Teile von) sich selbst wenden. Gleichzeitig hofft er, dass trotzdem eine Form der Reflexion entstehen könnte.

Beginnt damit, dass chinesischer ‘Kommunismus’ gut dasteht. Weiter über Communovirus: “In fact, the virus actually does communize us. It essentially puts us on a basis of equality, bringing us together in the need to make a common stand. That this has to involve the isolation of each of us is simply a paradoxical way of experiencing our community.“ Sieht Virus als gute Gelegenheit zur Reflexion.

“The link between coronavirus and climate is more direct than mere analogy, two threats that challenge our senses of scale and temporality and so seem to demand something like a state to address them.” Argumentiert entgegen Latour, dass Klimawandel nicht von Menschen, sondern Industrie/Kapital verursacht wird (Kapital ist kein gleichwertiger Akteur im ANT).

Shamanism coexists with allopathic medicine, with penicillin and dialysis machines, for example. It’s not one or the other. What the latter lacks, however, along with political economy, is the divine hum of the reenchanted universe that opens the doors of perception just as the virus does.

Rekapituliert die Auseinandersetzung von Nancy und Agamben. Kritisiert die sprachlichen Grundlagen der aktuellen Debatten, da sie eine gewaltvolle Kriegs- bzw. Freund-Feind-Rhetorik bedienen.

April

"Dass so viele Menschen am Corona­virus sterben, hängt mit der Austeritäts­politik der vergangenen Jahre zusammen."

Zairong kritisiert hier Badiou aus postkolonialer Perspektive und zeigt dabei rassistische und koloniale Stereotype in Badious Text zu Corona auf.

Unsicherheit ist immer ein Faktor für Gesellschaften. Für gewöhnlich ein lokales Phänomen ist der Virus die erste globale Unsicherheit. Außerdem kritisiert er eine "utilitaristischen Verrechnung" der Kosten und betont die Würde jedes Menschen.

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Antworten auf diesen Beitrag

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in Essays  |  by Marco Schmandt

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