Die Zauberberge im 21. Jahrhundert

04.10.2021

Was haben das World Economic Forum in Davos und das größte Yoga-Seminarhaus und Ashram in Bad Meinberg gemeinsam? Auf den ersten Blick: nicht viel. Doch auf den zweiten Blick erkennt man individuelle und gesellschaftliche Muster, die beiden zugrunde liegen. 

Die Zauberberge im 21. Jahrhundert

Da sitze ich also auf einer Wiese in Bad Meinberg, zwei Wochen vor der Bundestagswahl und höre neben mir eine Unterhaltung darüber, wie man eine industrielle Spülmaschine einräumt, welche sich dann in ein Gespräch darüber wandelt, ob die AFD wählbar und dass Nationalstolz etwas Positives sei. Zumal Deutschland ja bedeutende Menschen hervorgebracht habe, auf die man stolz sein könne. Also, ehm, …

Aber der Reihe nach. Wo liegt eigentlich Bad Meinberg und was verleiht diesem Ort den Status eines Zauberbergs? Es ist der Hauptstandort von Yoga Vidya, nach eigener Behauptung, Europas größtem Yoga-Seminarzentrum. Zudem ist es eines der wenigen deutschen Ashrams, also eine Art Kloster für Deutsche, die sich zum Hinduismus bekennen. -Damit ist Bad Meinberg der Gegenentwurf zu der Veranstaltung, die heute auf Thomas Manns klassischem Zauberberg in Davos stattfindet, dem World Economic Forum.

Hier finden Vorträge statt, wie man das Weltwirtschaftssystem weiterentwickelt. Staaten, Strategie- und Personalberatungen und auch einige Privatiers laden zum Frühstück (um 7 Uhr), Lunch, Cocktails, Abendessen oder einem Night Cup (um 22 Uhr) ein. Unter sich, bei Häppchen in der Partner’s Lounge oder dem Absacker im Steigenberger, spricht man (und viel seltener frau) über freiwerdende Aufsichtsratsmandate, Beratungsaufträge in Millionenhöhe, Ausstiegsmöglichkeiten aus der Politik und Aufstiegsmöglichkeiten auf Vorstandsebene. Denn bekannterweise gibt es gerade auf der Vorstandsebene eklatante Unterschiede im Gehaltsniveau und Sozialleistungen, welche bedacht werden müssen.

In Bad Meinberg, beim Yoga-Seminar, hört man Vorträge darüber, wie man sich selbst (körperlich und geistig) umdreht – oder man übt eben diese Umdrehungen. Das nennt man dann „Praxis“. Essen gibt es zweimal am Tag, denn Intervallfasten ist gesund. Alkohol ist tabu. Kaffee und WLAN gibt es nur im streng abgegrenzten Bereich. Bei veganem Dhal mit Vollkornreis unterhält frau (und seltener man) sich über Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Hamsterrad, Yoga-Aus-und Fortbildungen und ob Sevaka eine lebenswerte Karriereoption ist. (Anders als der Vorstand erhalten Sevakas für ihre Mitarbeit im Ashram nur Kost, Logie, ein Taschengeld und die Möglichkeit einer Yogalehrer-Ausbildung.)

Das Gespräch ist aber kein Muss. Denn es gibt auch einen Schweigeraum zum Essen. Oder man schaut dem Treiben auf der Wiese zu, wo Yogis auf einem Harmonium spielen, akrobatische Partnerübungen vollziehen oder den Handstand üben. Vermutlich steht das im starken Kontrast zu den Übungen der früheren Gäste dieses Gebäudes. Denn Europas größtes Seminarzentrum liegt in den Räumlichkeiten ehemaliger Kur-Kliniken. Nebenan liegt das Kurstädtchen Bad Meinberg, das mit seinem Kurpark, einem kleinen Bühnenpavillon und dem „Badehaus“ durchaus an Thomas Manns Davos vor 100 Jahren erinnert. Sollte sich ein erleuchteter Seminargast hierhin verirren, bietet die Eisdiele mehrere vegane Eissorten.

Trotz der paradigmatischen Unterschiede zwischen Davos und Bad Meinberg, gibt es doch drei auffallende Gemeinsamkeiten. Erstens, den extrem vollen Terminkalender der Teilnehmenden. In Davos wird dieser in der Regel Wochen zuvor sorgfältig von Assistenten und Referenten gefüllt, bis keine Zeit mehr bleibt vom Berg ins Tal zu blicken. In Bad Meinberg verteilen sich die Terminmöglichkeiten auf vier großen elektronischen Tafeln und diversen zusätzlichen Aushängen. Auch hier bleibt zwischen Meditation, Satsang, Yogastunde und Puja nur wenig Zeit.

Zweitens braucht ein Zauberberg für seine Umsetzung eine starke Persönlichkeit mit einer verrückten Idee.  Was andere für eine Spinnerei halten, wird von dieser Persönlichkeit mit Nachdruck und scheinbarer Leichtigkeit verwirklicht. Bei Thomas Mann ist es der Hofrat Behrens. Im Davos des 21. Jahrhunderts ist das Klaus Schwab, der Sohn eines deutsch-schweizerischen Vorstands. Der schwäbische Wirtschaftswissenschaftler und Visionär gründete 1971 ein europäisches Managementsymposium. Dieses baute er über 50 Jahre aus zu einer Plattform für Begegnungen zwischen Tausenden von globalen Entscheidern aus Politik und Wirtschaft. Neben der Hauptveranstaltung in Davos gibt es heute weltweite regionale Konferenzen und ein begleitendes digitales Programm. Davos ist sehr begehrt, aber nicht unumstritten. Man munkelt, die öffentliche Stiftung werde wie ein Familienunternehmen geführt. Die Ehefrau und Kinder Schwabs halten wichtige Posten inne. Die Finanzberichterstattung der Stiftung sei trotz öffentlicher Fördergelder und Umsätze von über €20 Millionen intransparent. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete Davos 2017 sogar als „Geldmaschine“. Schwab nutze die öffentliche Aufmerksamkeit außerdem, um seine persönlichen Ideen und Bücher zu promoten. 1971 schrieb Schwab ein Buch mit einer damals wenig verbreiteten Idee – dass Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein wollen, die Interessen aller Stakeholder mit einbeziehen müssten. Anschließend baute er die entsprechende Plattform, wo sich die Elite unter den Stakeholdern auf Augenhöhe begegnet. In Bad Meinberg ist diese starke Persönlichkeit Sukadev Volker Bretz. Der Sohn eines ostwestfälischen Möbelfabrikanten lebte, nach seinem Studienabschluss in BWL, sieben Jahre als vedantischer Mönch. Danach machte er es sich zur Mission, Yoga in Deutschland zu verbreiten und gründete im Jahr 1992 den Yoga Vydia e.V. Es lief gut. Gerade weil man bei Yoga Vidya nicht nur Yoga-Stunden besuchen, sondern auch eine Yoga-Lehrer-Ausbildung machen konnte. Schon nach kurzer Zeit platzte das erste Seminarhaus im Westerwald aus allen Nähten. So wurden die Gebäude leerstehender Kurkliniken in Bad Meinberg in mehreren Etappen zu einem Seminarhaus mit über 1000 Betten und 40 Seminarräumen umgebaut. Die Yoga-Lehrer-Ausbildung und Weiterbildung ist bis heute das Steckenpferd in dem breiten Seminarprogramm. Auch Yoga Vidya ist nicht unumstritten. Man munkelt, die Finanzberichterstattung sei trotz Steuerfreiheit und Millionenumsätzen nicht transparent. Die Vereinsform zwinge Yoga Vidya zu permanentem Wachstum. Die Sevakas (wörtlich „Dienende“), die nur ein „Taschengeld“ von €360 im Monat erhalten, würden ausgebeutet werden. Ein Professor hadert mit der Gemeinnützigkeit von Yoga an sich. Das Handelsblatt bezeichnete Bretz 2013 als „Seelenfänger“.  Als Reaktion auf die Kritiken erschienen viele Gegendarstellungen ehemaliger Sevakas, die bestätigten, in einer gemeinsamen Sitzung darüber entschieden zu haben, das „Taschengeld“ nicht zu erhöhen. Verzicht sei eben ein Teil der Ausbildung. Und das Geld könne man für bessere Zwecke einsetzen. Tatsächlich bietet Yoga Vidya für jede Einkommensklasse ein Modell, das Seminarhaus aufzusuchen: Nicht nur als Sevaka, sondern auch als Helfer (dann zahlt man nur die Hälfte der Gebühr), im Zelt, Mehrbettzimmer oder Einzelzimmer. So wird Yoga für alle erschwinglich. Ein Profitstreben ist zumindest in der Preisgestaltung nicht erkennbar. Eher der Fokus, möglichst viele Menschen zu erreichen. Wachstumsstreben.

Die dritte Gemeinsamkeit: Es geht den Teilnehmern in beiden Fällen um die Identifikation oder Verfolgung neuer Optionen – teils im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen, aber oft auch im rein persönlichen Kontext. Beide, Davos und Bad Meinberg, sind voll mit Menschen, die auf der Suche sind. Und die hoffen, den einen Lehrer oder Berater zu treffen, der ihnen den Weg zum Glück aufzeigen kann. Zugegebenermaßen wird Glück in Bad Meinberg anders definiert als in Davos. Daher sind auch die Mittel auf dem (scheinbaren) Weg dahin andere. Der achtgliedrige Pfad des Yoga ist nicht mit Leadership Principles oder einem Parteiprogramm zu vergleichen. Die Suche nach Spiritualität und die Suche nach Macht und Status sind nicht gleich. Davos hat eine andere Strahlkraft in der Welt als Bad Meinberg. Und dennoch stehen beide Orte für zwei Extreme unserer Gesellschaft. Das Status- und Machtstreben der Elite und die Sinnsuche der Mittelschicht. Beide verkörpern eine Blase.  So gelangt man als Sevaka dann wohl zu dem Schluss, die AfD würde aus Nationalstolz gewählt werden und nicht aufgrund von Zukunftsängsten. Und man freut sich als Vorstand (trotz Krise), wenn auf der Warteliste der strategischen Partner des World Economic Forum (Kostenpunkt: €600.000 pro Jahr) ein Platz frei wird.

Sukadev Volker Bretz sagte in einem Interview, würde jeder auf der Welt Yoga machen, werde es keinen Krieg mehr geben. Klaus Schwab prophezeit hingegen in seinem neusten Buch einen „Great Reset“. Dieser werde durch eine Verschmelzung der physischen, digitalen und biologischen Identität des Menschen zu einem verantwortungsvollen Kapitalismus führen. Wenn die Menschen die Möglichkeiten des wirtschaftlichen Aufbaus nach der COVID-Krise gut nutzen, so Schwab, werde diese Revolution grün, digital und inklusiv sein. Beide, Bretz und Schwab, setzen also auf eine höhere Bewusstseinsform, die durch transformative Praktiken (wahlweise mit oder ohne digitale Verschmelzung) erreicht wird.

Thomas Mann, bedeutender deutscher Schriftsteller und der Schöpfer des „Zauberbergs“ im 20. Jahrhundert, sah die Dinge weniger rosig. Dort stolperte sein literarischer Held Hans Castorp nach sieben Jahren aus den Toren des Sanatoriums Berghof direkt als Soldat in den ersten Weltkrieg. Ich werde morgen aus Bad Meinberg abreisen und nach fünf Tagen in die Welt zurückkehren. Als einzige aus meiner Seminargruppe mit der Bahn.

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