Das Privileg der Realitätsverweigerung – vom Kolonialismus zu „Querdenken“ und dem Sturm auf das Kapitol

26.04.2021

Der Sturm auf das Kapitol hat weltweit neben Wut, Trauer und Angst immer wieder eine Emotion ausgelöst: Verständnislosigkeit. Wer waren diese Menschen, die in ihrer Selbstdarstellung mal martialisch, mal lächerlich, aber immer zutiefst realitätsentfremdet wirkten? Die Antwort fällt schwer, vor allem, da man den Fanatismus der Trump-Anhänger*innen nun kaum noch als Naivität abtun kann.

Das Privileg der Realitätsverweigerung – vom Kolonialismus zu „Querdenken“ und dem Sturm auf das Kapitol

Vielmehr scheint im Umfeld der Q-Anon-Verschwörungstheorie eine grundsätzlich andere Weltwahrnehmung entstanden zu sein, die nicht die politische Meinung der Gegenseite in Frage stellt, sondern deren gesamte Realität. Ob die Vereinigten Staaten von einem Kinderblut trinkenden Geheimbund gelenkt werden oder nicht ist zu einer existenziellen Frage geworden. Ähnliches, wenn auch (noch) in anderem Maßstab, lässt sich bei der Querdenken-Bewegung in Deutschland beobachten. Auch hier scheint es nicht länger um eine abweichende politische Haltung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu gehen, sondern um eine neue Wahrnehmung des Virus an sich, die dessen Schädlichkeit in Frage stellt und Impfungen als die Implantation von Mikrochips imaginiert. Trotz einiger inhaltlicher Unterschiede sind sowohl der Trumpismus als auch Querdenken geprägt von der gleichen Realitätsverweigerung einer privilegierten gesellschaftlichen Minderheit. Zum besseren Verständnis dieser Phänomene bietet sich der Vergleich mit einer Zeit an, in der Realitätsverweigerung nicht nur politisches Programm einer einzelnen Bewegung, sondern eines ganzen Staatsapparats war: die koloniale Expansion während des 19. und frühen 20. Jahrhundert. Kolonialismus als staatstragende Verschwörungstheorie – dieses Gedankenexperiment möchte ich hier vorschlagen, um die Wirkungsweise der Realitätsverweigerung im Kolonialismus und heute besser zu verstehen.

Koloniale Ausbeutung und die Selbsttäuschung der Kolonisator*innen

Bei der Suche nach den kolonialen Ursprüngen organisierter Realitätsverweigerung lohnt ein Blick auf das Werk Albert Memmis, der 1957 in Der Kolonisator und der Kolonisierte der Psyche des Kolonisators ein Portrait widmete. Hier entwirft er den „Nero-Komplex“, der all jene befällt, die sich unrechtmäßig fremdes Land und Eigentum angeeignet haben: „Die Realität, ein Kolonisator zu sein, zu akzeptieren, bedeutet anzuerkennen, ein illegitimer Privilegierter zu sein, das heißt, ein Usurpator. [...] Das erklärt sein krampfhaftes, für einen Sieger seltsames Beharren auf scheinbar aussichtslosen Dingen. Er bemüht sich, die Geschichte zu fälschen, er schreibt Gesetze um, er würde Erinnerungen auslöschen - alles, um seine Usurpation in Legitimität zu verwandeln.“ Das Leben als zu Unrecht Privilegierter ist schmerzhaft und die, die bereit sind, diesen Schmerz für ihre Privilegien in Kauf zu nehmen, schrecken vor nichts zurück, um die Realität ihrer Unrechtmäßigkeit zu vertuschen. Denn Kolonisator*innen waren keine karikaturesken Bösewichte, sondern Menschen, die ahnten, dass ihr Wohlstand auf einem ungerechten System beruhte und die versuchten, diese Ahnung zu unterdrücken. Dies gelang ihnen entweder, indem sie die Ungerechtigkeit des Systems leugneten – im Sinne der liberalen Mission Civilisatrice – oder indem sie ihre Privilegien mit Nationalismus und Rassismus rechtfertigten.

Dieses „seltsame Beharren auf scheinbar aussichtslosen Dingen“, ist, wie Memmi hervorhebt, kein leichtes Unterfangen. Realitätsflucht erfordert Arbeit, konstante Wachsamkeit und das Zurechtlegen unzähliger Pseudoerklärungen für das eigene Verhalten. Deshalb war der Kolonialismus geprägt von einer Vielzahl an Techniken, um diese alternative Realität aufrecht zu erhalten. Mitreißende Abenteuergeschichten aus exotischen Ländern, mit weißen Helden und nicht-weißen Antagonisten, vermittelten schon Kindern und Jugendlichen die Rechtmäßigkeit der imperialen Weltordnung. Für Erwachsene gab es neben vielen Kolonialromanen ethnografische Reisebeschreibungen, die oft ebenso fiktional waren, aber unter dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit die Akzeptanz alternativer Realitäten erleichterten. Fotografie und Film wurden schon kurz nach ihrer Entdeckung in den kolonialen Propagandaapparat mit eingebunden und lieferten so scheinbar den Beweis für die Wahrhaftigkeit der kolonialen Imagination. Es ist in dieser Hinsicht auch wenig überraschend, dass moderne Werbung als Medium spezifisch für koloniale Waren und mit kolonialer Ästhetik entwickelt wurde.

Eine zentrale Institution in diesem Prozess waren die ethnologischen Museen, die heute im Zentrum der Debatte um die Aufarbeitung des kolonialen Erbes stehen. Hier konnte die koloniale Realität mit Artefakten buchstäblich nachgebaut werden. Das Sammeln der materiellen Besitztümer nicht-weißer Menschen hatte hierbei zwei Vorteile. Zum einen sorgte die Materialität der Objekte dafür, dass die Ausstellungen „echt“ wirkten, versehen mit einem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und einem gesicherten Zugang zum wahren Leben dieser Menschen. Zum anderen aber waren Exponate beweglich genug, sowohl im räumlichen als auch epistemischen Sinne, um mit ihnen nahezu jede beliebige Vorstellungswelt nachzubauen. Das Museum zeigte, wie die Menschen „da draußen“ wirklich waren – unzivilisiert und wild, kindlich und unbeholfen, maßlos und degeneriert, je nach Rassifizierung. Natürlich waren ethnografische Museen inhaltlich und personell heterogene Institutionen und ihr Ausstellungen fielen mal liberaler, mal reaktionärer aus. Aber alle Darstellungsformen hatten am Ende das gleiche Ziel: die Fixierung des nicht-weißen Anderen zur Stabilisierung der eigenen, weißen Identität und Weltsicht. Und damit war die Aufrechterhaltung der kolonialen Wirklichkeit auch nicht nur den ethnografischen Museen vorbehalten, sondern erstreckte sich auch auf andere identitätsstiftende Orte wie Kunst- und Geschichtsmuseen.

Rassismus und die Macht der Widersprüchlichkeit

Die Grundlage für alle diese Konstruktionen und Fantasien bildete der Rassismus. Rassistisches Denken eignet sich deshalb besonders zur (Selbst-)Täuschung, weil es mir einer epistemischen Flexibilität einhergeht. Rassismus ist inkohärent und widersprüchlich, aber genau deshalb besonders anpassungsfähig. Je nach Situation können verschiedene Rassismen hervorgehoben werden, um einen Vorgang zu erklären, ohne dabei die tatsächlichen Ursachen zu nennen. Verweigern sich rassifizierte Menschen der kolonialen Produktionsordnung, können sie als natürlich faul charakterisiert werden, um so zum Beispiel Sklaverei zu rechtfertigen. Arbeiten sie aber zu viel und gelangen so zu ökonomischer Unabhängigkeit, gelten sie geldgierig oder anmaßend und müssen mit Gewalt aus ihrer Schlüsselposition vertrieben werden. In beiden Fällen wird die Frage nach weißer Selbstbereicherung nicht einmal gestellt.

Rassistische Aussagen stützen sich dabei auf verschiedene Beweissysteme: mal werden sie genetisch-biologistisch außerhalb des Einflusses der Betroffenen verortet, mal kulturell-habituell als falsche Einstellungen und Handlungen. Mal liegt der Fokus auf wissenschaftlichem Anspruch, dann wieder auf Emotion, zum Beispiel bei der Angst vor (kultureller) Vergewaltigung, der rassischen Verunreinigung oder dem Tod der weißen Rasse. Dabei gibt es keine argumentative Hierarchie dieser Deutungsmuster: benutzt wird, was funktioniert. Diese Hybridität rassistischen Denkens, zusammen mit der Vielfalt an Überzeugungsmitteln, vermochte Kolonialismus den Anschein eines stabilen Herrschaftsgebildes zu geben. Tatsächlich aber war koloniale Herrschaft geprägt von den ständigen Selbstzweifeln der kolonialen Neros und der Angst vor der Rache der Ausgebeuteten. Dass die imperiale Expansion trotzdem so erfolgreich war, lag jedoch gerade an dieser Instabilität: vor dem Hintergrund rassistischer Angstzustände konnte jede Gewalt als Prävention potenzieller Gegengewalt gedeutet werden, als „Selbstverteidigung“ von Unterdrückern, die sich auch damals schon gerne in der Opferrolle sahen.

Nach Ende der Kolonialzeit hat Rassismus nichts von seinem trugbildhaften Charakter verloren. James Baldwin hob 1972 in No Name in the Street hervor das „weiße Kinder, egal ob arm oder reich, in der Regel mit einem so schwachen Verständnis der Realität [aufwachsen], dass man sie sehr treffend als verblendet bezeichnen kann - in Bezug auf sich selbst und die Welt, in der sie leben.“ Und auch die heutigen Formen der Realitätsverweigerung bedienen sich rassistischer Deutungsmuster. Trump-Anhänger*innen nutzen offen rassistische Narrative, zum Beispiel bei der Hetzkampagne gegen die Black-Lives-Matter-Bewegung oder der Mobilisierung anti-asiatischer Rassismen zur Erklärung des Corona-Virus. Bei den Querdenker*innen steht vor allem Antisemitismus im Vordergrund, der zwar als rassistische Sonderform eine eigene Geschichte hat, auf dem epistemischen Level aber oft genau wie andere Rassismen funktioniert – argumentative Plastizität mit ausgeprägtem Wahrheitsanspruch. Aber auch andere Rassismen finden sich bei Querdenken, zum Beispiel im rechtsesoterischen Reinheitsdenken der Anastasia-Bewegung oder beim Schulterschluss mit der Reichsbürger-Bewegung. Und wie in der Kolonialzeit erlaubt es die rassistische Wirklichkeitsdeutung den Bewegungen, sich in der Opferrolle zu inszenieren, bei Querdenken sogar als Insassen von vermeintlichen „Gesundheits-KZs“. Es ist also nicht nur die Realitätsverweigerung per se, die Trump-Anhänger*innen und Querdenker*innen mit der kolonialen Vergangenheit verbindet, sondern auch die Art, in der diese Fantasie rechtfertigt und aufrechterhalten wird.

Wie zurück in die Realität?

Was lässt sich also aus der kolonialen Realitätsentfremdung über den Umgang mit ihren zeitgenössischen Ausprägungsformen lernen? An erster Stelle gilt es, den Aufklärungsmythos zu entkräften: Die Selbsttäuschung der Privilegierten, besonders in ihrer organisierten Form, ist keine Folge mangelnden Wissens oder unzureichender Bildung – die Verortung der Querdenker*innen vorwiegend im bürgerlichen Milieu macht dies noch einmal deutlich. Stattdessen sollte man sie nach Memmi als eine emotionale Reaktion auf die Bewusstwerdung der eigenen Privilegien sehen, seien diese die Ausbeutung der Kolonisierten, die Unterdrückung einer Gesellschaftsgruppe durch Polizeigewalt oder der Anspruch auf eine uneingeschränkte Reise-, Bewegungs- und Konsumfreiheit, die den meisten nicht-weißen Menschen auch außerhalb der Corona-Pandemie vorenthalten bleibt. Aufklärung hilft hier wenig, denn der Ursprung der Realitätsferne ist systemisch und kann nur durch die Abschaffung der Privilegien, die diese Verschleierung notwendig machen, verändert werden. Gegen ein inkohärentes Gedankenkonstrukt hilft keine Widerlegung und keine Statistik, die die Unwahrheit offenlegt, denn der Ursprung der rassistischen Aussagen liegt nicht in ihnen selbst.

Dass Widerlegung keinen Nutzen hat, bedeutet aber nicht, dass Widerspruch nutzlos ist. Wenn die koloniale Geschichte eins gezeigt hat, dann, dass nicht Argumente zu mehr Gerechtigkeit führten, sondern der Widerstand der Kolonisierten, sei es bei der Revolution auf Haiti, den kolonialen Unabhängigkeitskriegen oder im Vietnam-Krieg. Wenn Menschen die Realität leugnen, bleibt als einzige Möglichkeit oft, sie radikal mit dieser Wirklichkeit zu konfrontieren. Es scheint, als ob in der Auseinandersetzung mit Realitätsverweigerung eine verständnisvolle Annäherung den Legitimationsabsichten der Verweigernden eher entgegenkommt. Kolonialismus wurde nur da in Frage gestellt, wo er bekämpft wurde, und das sollte uns auch heute eine Mahnung zum klaren Widerspruch sein. Schließlich bekommt die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit in diesem Hinblick eine zusätzliche Bedeutung. Hier geht es nicht nur um Restitutionen und Reparationen, sondern auch um die Aufklärung rassistischer Wahnvorstellungen in der Vergangenheit, um diese in der Gegenwart besser identifizieren und hinterfragen zu können. Diese Aufarbeitung ist nicht rückwärtsgewandt, sondern zukunftsorientiert und warnt vor den Gefahren, die drohen, wenn Verschwörungsmythen mehrheitsfähig werden.

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