"So ein Bömbchen hätten sie alle verdient"

17.02.2017

Kaum ein Thema ist so omnipräsent wie der Terrorismus. Dass der Terror und auch seine literarische Übersetzung jedoch viel älter ist, als es die meistens vermuten, zeigt die Erinnerungen an einen der grausamsten Terroristen seiner Zeit - Boris Wiktorowitsch Sawinkow. Sein wiederentdeckter Roman „Das fahle Pferd“ hinterfragt das Verhältnis von Literatur und Terrorismus und warnt indirekt vor den Gefahren eines Arsenals verkehrter Wert- und Normvorstellungen.

"So ein Bömbchen hätten sie alle verdient"

"Das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat" – wer Karlheinz Stockhausens Kommentar bei einer Pressekonferenz kurz nach den New Yorker Terroranschlägen am 11. September 2001 als polarisierend bezeichnet, untertreibt. Gelähmt von dieser Provokation, bekräftigte die Öffentlichkeit im Angesicht des Schreckens, dass das Kunstwerk und der Terrorismus, das Ästhetische und das Grausame, unter keinen Umständen miteinander korrespondieren dürfe. Wovon Stockhausens vermeidliche Sympathie für einen der verheerendsten Angriffe auf die westliche Demokratie jedoch tatsächlich handelte, zeigt ein Blick auf seine Ausführung, in der er sich über die Terroristen selbst äußerte: "Das sind also Leute, die sind so konzentriert auf dieses eine, auf die eine Aufführung, und dann werden fünftausend Leute in die Auferstehung gejagt. Das könnte ich nicht." Abseits des Zynismus eines mittlerweile verstorbenen Komponisten zeigt sich hier, dass im Moment der Intensität und Aufopferung das Grausame durchaus Thema eines Kunstwerks sein kann. Erst durch die politische Färbung wird das Grausame schließlich zum Terrorismus und dieser meint es bekanntlich nie persönlich.

Besonders im 21. Jahrhundert scheint sich der Terrorismus professionalisiert zu haben. Die Liste verbotener terroristischer Vereinigungen wird ständig ergänzt und die Datenbanken nationaler Geheimdienste sprengen unser Vorstellungsvermögen. Der moderne Mensch fürchtet weniger symmetrische Kriege, als die Anonymität und Unberechenbarkeit des Terrorismus. Dabei lässt sich dieser in seiner Tradition mindestens bis in das noch-zaristische Russland um 1900 zurückverfolgen. Beginnt dort die Suche nach Prototypen moderner Terroristen, ist die Begegnung mit einem Namen fast unausweichlich: Boris Wiktorowitsch Sawinkow (1879-1925). Er war nicht nur an einer Vielzahl von Attentaten auf politische Gegner beteiligt. Sawinkow galt auch als strategischer Kopf des militanten Arms der Partei der Sozialrevolutionäre, die den Berufsterrorismus schon früh als wirksames Mittel im Kampf gegen die repressive Politik des russischen Zarenreichs für sich entdeckte.

Das Phantom des Terrors

Doch auch wenn der Terrorismus des frühen 20. Jahrhunderts sehr viel über vergleichbare Ereignisse in der Gegenwart erzählen kann, sind Terroristen wie Sawinkow heute mehr als damals ein Phantom. Sein 1914 erstmals veröffentlichter Roman Das fahle Pferd. Roman eines Terroristen, der auch autobiographisch gelesen werden kann, galt lange als vergessen. Erst dank Karen Schachnarsarows Films Der Reiter namens Tod (2004) und der umfangreichen Arbeit des deutsch- russischen Autors und Übersetzers Alexander Nitzberg genießt der literarische Nachlass Sawinkows internationale Achtung. In Das fahlen Pferd, das seit vergangenem Jahr dank Nitzberg erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt, begegnet der Leser George, welcher in insgesamt 97 kurzen Briefen von seinem Leben als Berufsterrorist im russischen Zarenreich berichtet. Ein Adressat dieser Briefe wird nicht explizit genannt. Die gewählte Briefform assoziiert etwas sehr Persönliches und erinnert an Tagebucheinträge, die fast ein ganzes Jahr umfassen. Georges erster Brief ist ohne Jahreszahl auf den 6. März datiert, sein letzter auf den 5. Oktober. In diesen Briefen protokolliert George neben seinen Gefühlen und Eindrücken, auch Dialoge mit seinen Geliebten oder seinen Genossen. Gelegentlich werden biblische Psalme rezitiert, ohne dass sie mit der entsprechenden Handlung oder den Dialogen kausal verknüpft werden. Politische Forderungen sucht man vergeblich.

Begibt man sich auf die Spuren von Sawinkows Entwurf eines wirksamen Terrorismus, lässt sich bald nachzeichnen, dass Das fahle Pferd auch als Erbe Dostojewskis verstanden werden kann. Nitzberg stellt die Frage nach der Intertextualität: "Ist denn das gesamte Fahle Pferd nicht die fleischgewordene Vision Dostojewskis?" Beantwortet wird sie durch einen Blick auf den Antihelden Stawrogin aus Dostojewskis Roman Die Dämonen (1873). Neben Stawrogin erscheint Protagonist George nicht nur wie ein Genosse im Geiste, sondern mehr noch wie ein Produkt einer literarischen Schablone. Beide Figuren repräsentieren ein Psychogramm des Nihilismus. Letztlich unterscheidet sie nur die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis – einer denkt, der andere macht.

Durch sein Bekenntnis "Mir ist es gleich, ob Christus, der Antichrist oder Dionysos. Ich suche nichts", tritt George als Apokalyptischer Reiter auf, der den Terrorismus zum Selbstzweck werden lässt. George wird zu dem ewigen Nihilisten, von dem wir an Bahnhöfen nicht wünschen, dass er seine Tasche neben uns stehen lässt. Charakteristisch für den Typus des nihilistischen Terroristen gewinnt er durch das absolute Entsagen aller Sinn- und Wertvorstellung, eine fast asketische Reinheit. Sein Kampf ist ein Kampf um seiner selbst willen geworden und verleiht ihm damit eine ungezügelte, heroische Macht. Metaphysische Rückendeckung erhält George dabei von Friedrich Nietzsche und dem russischen Philosophen Nikolaj Fedorov, die vereint darauf verweisen, dass die menschliche Existenz unter der Herrschaft des Todes nicht nur sinnlos, sondern ohnehin unsittlich sei.

Revolte gegen die göttliche Schöpfung

Eben durch Sawinkows starken biographischen Einfluss auf seine Literatur und seine geschickte Orientierung innerhalb der russischen Literatur um 1900, kann im fahlen Pferd ein Zugriff auf das Selbstverständnis und Weltbild eines Terroristen gefunden werden. Allerdings ist ein solcher Zugriff auch zu konkretisieren, da er die Vorstellung eines schemahaften Musterterroristen in den Raum stellt, wo doch die politische Intuition von Terrororganisationen ganz unterschiedlich ausfallen kann. Literarisierter Terror oder aber militante Literatur ermöglichen, wie es insbesondere Sawinkow in seinem Roman zeigt, einen Einblick in ein Arsenal verkehrter Wert- und Normvorstellungen und machen zugleich darauf aufmerksam, mit welchem verheerenden Wahnsinn sich Berufsterroristen wie George täglich konfrontiert sehen.

Autor Sawinkow erschafft in Das fahle Pferd einen Charakter, der weder in der Öffentlichkeit, noch im Kreise seiner Genossen, noch vor sich selbst seine barbarischen Handlungen zu begründen weiß. Der Terrorist ist eine isolierte Seele, die sich gänzlich unserem Verständnis zu entziehen und mit Hilfe von Literatur erklärbar scheint. An dieser Stelle lädt die Diskussion ein, Das fahle Pferd als eskapistische Literatur nach dem Entwurf Henry David Thoreaus zu lesen. Doch wo der sich- entziehende Eskapist der menschlichen Zivilisation den Rücken kehrt und Zuflucht in der Natur

findet, brüllt George: "So ein Bömbchen hätten sie alle verdient, klare Sache." Trotz seiner Isolation zählt er also nicht zu den Eskapisten. Während diese in eine andere, selbstgeschaffene Welt flüchten, bekämpfen Terroristen die Umstände, gegen die sie sich wenden, aktiv. Damit bewegt sich der Terrorist in einem Raum, in dem die Moral ihre eigene Sinnentleertheit und Brüchigkeit, ihre décadence, erkennt. Am Ende könnte Terry Eagletons Argument aus seinem Werk On Evil als Erklärung dienen, welches darauf verweist, dass nur die Schöpfung und die Zerstörung als echte Ereignisse betrachtet werden können. In ihrer ewigen Sehnsucht nach Bedeutung, zerstören Terroristen, um dem göttlichen Schöpfungsakt etwas ebenso Einmaliges entgegenzusetzen. Denn wie die Schöpfung, kann auch die Zerstörung nicht wiederholt werden – eben das verleiht dem 11. September seine Bedeutung.

Boris Sawinkow: Das fahle Pferd: Roman eines Terroristen. Roman. Berlin: Galiani Verlag, 2015. 304 S.. 22,99 €

von Niko Gäb
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