Ist das Licht wirklich erloschen?

23.02.2021

In ihrer politischen Analyse „Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung“ thematisieren die Autoren Ivan Krastev, bulgarischer Politologe, und Stephen Holmes, US-amerikanischer Professor für Rechtswissenschaften, den Aufschwung des demokratischen Liberalismus, der unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Untergang der kommunistischen Ideologie Ende der 1980er Jahre in Ost- und Mitteleuropa Einzug hielt. Drei Jahrzehnte nach der politischen Wende folgte auf anfängliche Euphorie die Ernüchterung: Dort wo einst Überzeugung und Begeisterung für das westeuropäische demokratische Modell herrschte, kehrten Enttäuschung, Populismus und antiliberalen Revolte ein.

Ist das Licht wirklich erloschen?

Im Mittelpunkt der Lektüre steht eine 30-jährige Bilanz, in der postsowjetische Staaten versuchten westeuropäische Demokratien nachzuahmen. Die zentrale Fragestellung, die bereits im Buchtitel suggeriert wird, zielt auf eine mögliche Abrechnung der östlichen Nachahmer mit westlicher Demokratie und Liberalismus. Das Ziel sei es, die Enttäuschung der ost- und mitteleuropäischen Staaten sichtbar zu machen und den damit einhergehenden Populismus und Antiliberalismus möglicherweise zu erklären.  

Das Zeitalter der Nachahmung

Zentral beobachten die Autoren hierbei den Antagonismus zwischen Kommunismus und Kapitalismus, den seit 1989 entstandenen Demokratisierung- und Nachahmungsprozess der postsozialistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas sowie die letztendlich entstandene populistische Rhetorik und eine antiliberale Revolte.  Das Jahr 1989 läutete das Ende des Kalten Krieges ein. Der vom Westen dominierte Liberalismus und die kapitalistische Demokratie bestimmten die für die neuen Nationalstaaten richtungsweisenden Werte, die es nachzuahmen galt – der demokratische Liberalismus wurde sozusagen zum Nachahmungsimperativ. Prägend für den Nachahmungsdruck sind laut Krastev und Holmes „erstens eine anerkannte moralische Überlegenheit des Nachgeahmten gegenüber seinen Nachbarn, zweitens ein politisches Modell, das behauptet, alle existenzfähigen Alternativen beseitigt zu haben, drittens eine Erwartung, dass die Nachahmung bedingungslos und nicht an lokale Traditionen angepasst sein wird, und viertens den anmaßenden Anspruch der Vertreter der zu imitierenden Länder, den Fortschritt der nachahmenden Länder dauerhaft beobachten, überwachen und bewerten zu dürfen.“ (S. 17) Obwohl der Nachahmungsprozess die eigene Identität gefährdet, war der Globus nicht mehr zwischen zwei Ideologien aufgeteilt. Es entstand eine Ordnung zwischen westlichen Vorbildern und östlichen Nachahmern. Angeführt mit dem Titel Das Licht, das erlosch, analog zum Roman von Rudyard Kipling Das Licht erlosch (1890), impliziert die Nachahmung der westeuropäischen demokratischen Werte durch Ost- und Mitteleuropa eine ursprüngliche Erwartungshaltung und Hoffnung, aber auch Verbitterung und Enttäuschung. Letztendlich wird der Spieß umgedreht und ein gewisser Verlust der westeuropäischen Identität sowie der Niedergang des Westens vorhergesagt. Der Nachgeahmte verliert seine Vorbildfunktion.

Der Text ist in vier Kapiteln mit dazugehörigen Unterkapiteln gegliedert. Nach dem einführenden Kapitel Das Unbehagen an der Nachahmung wird in allen weiteren Kapiteln der Hauptgedanke Die Nachahmung der westeuropäischen Werte als Leitgedanke, anhand der Hauptprotagonisten Viktor Orbán, Wladimir Putin, Donald Trump und Xi Jinping veranschaulicht.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung des Ostblocks, aber auch des Bürgerkriegs in Jugoslawien (obwohl dieser nur marginal Erwähnung findet), wandten sich die neu entstandenen Nationalstaaten dem Westen zu. Durch Nachahmung und Imitation hofften sie, das eigene Land, politisch als auch ökonomisch, den westlichen Standards anzupassen. Die permanente Überprüfung, Zurechtweisung und Bewertung seitens der Europäischen Union weckten in den jungen Nationalstaaten gewisse identitäre Verlustängste. Gerade die europäische Migrationspolitik, aber auch der demografische Wandel im eigenen Land, trugen dazu bei, dass Widerstand gegen den demokratischen Liberalismus sowie Nationalismus und autokratischer Populismus laut wurden.

Der russische Widerstand gegen den Liberalismus zeichnet sich durch den Verlust der Supermachtstellung und Putins Versuche aus, den Status der einstigen Großmacht wieder zu erlangen. Anstatt die westliche Demokratie nachzuahmen, verwendet Putin die Methode des Spiegelns und rechtfertigt somit seine außenpolitischen Handlungen gegenüber dem Westen. Als Beispiel sei die Annexion der Krim 2014 sowie die im Jahr 1999 verletze und durch die NATO verbürgte territoriale Integrität Serbiens genannt.

In der Person Donald Trumps sehen die Autoren einen Gegner der Globalisierung und Unterstützer der populistischen Bewegungen in Europa. Mit seinem Slogan America first setzte der ehemalige US-Präsident neue politische Impulse. Er schuf eine Innen- und Außenpolitik, die sich von der amerikanischen Vorbildfunktion distanzierte, auch aus „Angst“ der eigenen amerikanischen Werte und Errungenschaften durch die Nachahmer beraubt zu werden.

Mit einem Ausblick auf Chinas Aufstieg als geopolitische Supermacht beenden die Autoren ihre politische Diskussion. China habe weder die westlichen Werte nachgeahmt noch den Anspruch als Vorbildfunktion zu dienen. Chinas Interesse gelte ausschließlich dem Aufbau von Handelsbeziehungen und nicht der Reformation der Gesellschaftsordnung ihrer Handelspartner.

Eine einseitige Darstellung?

Dass das Buch in Kooperation eines osteuropäischen und eines westlichen Autors entstanden ist, lässt die Publikation besonders interessant erscheinen. Ebenfalls ist der Titel vielversprechend und lädt zum Lesen ein. Jedoch lässt sich die durchgängige Bezugnahme zu diversen Romanen und Filmen aber auch zu zitierten Politikerreden kritisieren. Es stellt sich die berechtigte Frage, inwiefern der wissenschaftliche Anspruch als erfüllt angesehen werden kann. Ebenso werden meiner Meinung nach der Diskurs über demokratischen Liberalismus einerseits und Nachahmung und Enttäuschung andererseits zu einseitig dargestellt. Mit dem Jahr 1989 endete eine politische und ideologische Ära, die mehr Zuwendung und Beleuchtung bedarf als die im Buch vorliegende Gegenüberstellung. Man darf nicht vergessen, dass die jungen ost- und südosteuropäischen Nationen (Westbalkan eingeschlossen) über vier Jahrzehnte in einem wirtschaftlichen und ideologischen Konstrukt existierten, welches auf keiner Ebene homogen war, weder ökonomisch noch ethnisch oder religiös. Demzufolge brachten diese Nationen zu unterschiedliche Voraussetzungen für eine Eingliederung in die westeuropäischen Demokratien mit, um für alle die gleiche Methodik der Nachahmung und Enttäuschung anzuwenden. Ohne die Thematik verallgemeinern zu wollen, würde ich meinen, dass viele der Nationen dem westlichen liberalen Anspruch nicht gewachsen sind. Der ost- und südosteuropäische Kulturraum existierte über Jahrhunderte unter Fremdherrschaft der unterschiedlichen Großreiche. Freiheit war lange Zeit ein Fremdwort. Später sahen die Völker bzw. Nationen jahrzehntelang die gesellschaftlichen Werte, geschöpft aus der leninistisch-marxistischen Lehre,  als DEN Kristallisationspunkt an. Unabhängigkeit und Freiheit sind Substantive, deren Bedeutung für Ost- und Südosteuropäer lange Zeit nur auf dem Papier wahrzunehmen waren. Die eigene gesellschaftliche Ordnung danach auszurichten und die liberalen Werte zu leben, erfordert Mut, Verantwortung und Entscheidungskompetenz. Das ist ein Prozess, welcher sich nicht ausschließlich anhand von Nachahmung messen lässt.

Krastev, Ivan, Holmes, Stephen: Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung. Berlin 2019. € 26,00

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in Essays  |  von Suada Matas

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