Von Antirassismus und Verfremdungseffekten: Instagram als digitaler Protestraum

14.06.2020

Am 2. Juni 2020 wurde die App Instagram nicht wie sonst von Fotos der abonnierten User*innen dominiert, sondern zeigte schwarze Quadrate, die eine mediale Anteilnahme und digitale Partizipation weltweiter Proteste gegen rassistische Polizeigewalt anlässlich des Mordes an George Floyd zeigen sollten.

Von Antirassismus und Verfremdungseffekten: Instagram als digitaler Protestraum
© Stefanie Seidel

Von der amerikanischen Musikbranche ausgehend sollten soziale Medien und ihre Nutzer*innen die Veröffentlichung von persönlichen Inhalten für 24 Stunden pausieren. So kündigte beispielsweise der Streamingdienst Spotify an, Podcasts und Playlists mit 8:46 Minuten Stille zu versehen. Die Länge also, die der Polizist Derek Chauvin mit seinem Knie auf dem Nacken des 46-jährigen Floyd verharrte und somit sein Leben beendete.

Längst schon bedienen sich politische Bewegungen Formen des digitalen Protests. Gerade in Zeiten einer weltweiten Pandemie scheinen Formate wie Onlinedemos, Livestreams und „Zoomkundgebungen“ ein gern genutztes Mittel der politischen Intervention und Partizipation. Was bedeutet es, wenn die Startseite einer Plattform, die sonst der Befriedigung von visuellen Inhalten dient, unterbrochen von personalisierter Werbung, durchweg schwarze Quadrate zeigt? Es zeigt die Unterbrechung einer Illusion. Die Illusion mag entweder als idealisiertes, perfektionistisches Vakuum, im Raum des Internets als virtuelle Heterotopie erscheinen, oder im Medium Theater als Illusion einer bühnenrealistischen Inszenierung auf aristotelische Art. In beiden Fällen lässt sich von einer Unterbrechung der illusionistischen Inhalte der Handlung sprechen. Neben anderen literarischen Stilmitteln gilt die Unterbrechung als Verfremdungseffekt, als Mittel des epischen Theaters bei Brecht. Politisierend, aktivierend sollen Verfremdungseffekte sein, Missstände aufzeigen und Raum für gedankliche Auseinandersetzung mit der bespielten Thematik lassen. Der Hashtag #blackouttuesday ist also Verfremdungseffekt im Sinne des epischen Theaters par excellence. Er führt zu einer Unterbrechung der Illusion, die in theatralen Räumen genauso stattfindet wie in Digitalen.

„Die Entdeckung der Zustände vollzieht sich mittels der Unterbrechung von Abläufen.“ schreibt Benjamin in seinen Untersuchungen des epischen Theaters. Von der Entdeckung der Zustände wie bei Benjamin lässt sich in diesem Fall nicht sprechen, Rassismus ist dem sozialisierten Menschen immanent und kein Novum. Sprechen lässt sich jedoch von einer Verhandlung, einer Debatte, einem öffentlichen Diskurs der Thematik auf Instagram durch die Unterbrechung von Abläufen. So werden sowohl Nutzer*innen als auch Konsument*innen von Instagram durch Nutzung eines Verfremdungseffekts auf digitaler Ebene aus gewohnten Zuständen gerissen. Wer die App am 2. Juni öffnete, um visuell unterhalten zu werden, wurde enttäuscht, im Wunsch nach Unterhaltung gestört und sah sich einem Verfremdungseffekt des Mediums gegenüber gestellt. Ist Instagram durch den Vorteil der Konservierung des Protests der Gewinner, wenn man vom Mehrwert politischer Intervention und digitalen Protestformen spricht? Theater ist nicht reproduzierbar und hinterlässt keine Quellen. Aussagen der Akteur*innen werden allenfalls in Kritiken zitiert - es braucht also das Zitat einer Person. Sie stehen nicht wie das Medium eines geposteten Bildes für sich.

Ob Brecht als Begründer des epischen Theaters politische Proteste auf Instagram befürwortet hätte? Weniger exklusiv als ein Theaterbesuch ist es allemal, da kostenlos und ohne Paradigma einer dem Bildungsbürgertum vorbehaltenen Kunst. So wie das Theater oft nur bestimmte Personengruppen erreicht, ist auch Instagram und die Breite der Reichweite aktuell noch defizitär, da die meisten Nutzer*innen jungen Alters sind. Doch auch Instagram als Symptom und Tragfläche der postmodernen Gesellschaft vergisst schnell. Der Algorithmus hat die schwarzen Quadrate längst verschluckt, ein, zwei Tage später erscheinen noch vereinzelt „blacks“ auf der Startseite, die jedoch eher verloren als aktivistisch wirkten. Beim Aufruf des Hashtags lächeln einem nun wieder Gesichter auf Selfies entgegen, Memes und Black-Lives-Matter Atemschutzmasken bestimmen das Bild. Die neue Agitationsapp wird Instagram wohl kaum.

Literatur

Benjamin, Walter (1939). Was ist das epische Theater? Eine Studie zu Brecht.

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in Essays  |  von Stefanie Seidel

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