Das Erbe der Rosalía de Castro

20.05.2021

Am 17. Mai wird in der autonomen spanischen Region Galicien alljährlich der Tag der galicischen Sprache und Literatur begangen. Anlass genug, einen Blick auf die Bedingungen der blühenden Lyrikszene der nordwestlichen Atlantikregion zu werfen.

Das Erbe der Rosalía de Castro

Spätestens seit mit Pilar Pallarés und Olga Nova zwei Jahre hintereinander galicische Dichterinnen den Premio Nacional de Poesía –­ eine der höchsten Lyrikauszeichnungen Spaniens – zugesprochen bekommen haben, ist man in interessierten Kreisen auf die blühende Lyrikszene in Galicien aufmerksam geworden. In den letzten Jahren fanden auch andere renommierte Lyrikpreise den Weg nach Galicien, wobei mehrheitlich, und das ist in der Lyrik doch eher außerordentlich, Frauen (z. B. Yolanda Castaño oder Alba Cid) ausgezeichnet wurden. Auch am 17. Mai dieses Jahres wird mit Xela Arias eine Dichterin gefeiert und damit der Bedeutung der von Frauen geschriebenen Lyrik in Galicien Rechnung getragen.

Autonome Region mit eigener Sprache

Galicien ist eine autonome Region im Nordwesten Spaniens mit einer Bevölkerung von rund 2,7 Millionen Einwohnern. Im Norden und Westen grenzt sie an den Atlantik, im Süden an Portugal und im Osten an die spanischen Regionen Asturien und Castilla de Leon. Obwohl sie als abgelegen gilt, ist die Region wegen der Jakobswege weltbekannt, die nach der Hauptstad Santiago de Compostela führen und jährlich bis zu knapp 90 000 Tourist:innen (2019) ins Land schleusen. Umgekehrt hat sich die Region, in der die Gastronomie selbst ein wichtiger kultureller Faktor ist, mit Spitzenprodukten aus dem Meer und seinen Rebbergen einen Namen gemacht.  Die Arbeitskraft der in verschiedenen Wellen nach Europa und Südamerika ausgewanderten Migrant:innen stellt ein weiteres wichtiges Exportprodukt dar.

Doch das einzigartigste Kulturgut, das Galicien aufzuweisen hat, ist seine eigene Sprache: Galicisch (o galego). Der Tag der galicischen Sprache und Literatur (o Día das Letras Galegas) wurde 1963 zu ihrem Schutz und zur Belebung des eigenen literarischen Ausdrucks eingeführt. Dabei wird jährlich eine mindestens seit 10 Jahren verstorbene Person aus der galicischen Literaturszene ausgezeichnet und geehrt. Tatsächlich sind die Befürchtungen um das Fortbestehen dieser Minderheitensprache begründet, wie an vielen Orten, wo zwei unterschiedlich dominante Sprachen aufeinandertreffen. In den Anfängen der Franco-Diktatur noch verboten, ist Galicisch seit 1982 zwar auch Amtssprache in der Atlantikregion, aber der Sprachgebrauch ist, vor allem bei den jüngeren Generationen und in urbanen Gebieten, rückläufig. Dennoch ist laut jüngsten Umfragen das Segment der „immer galicisch“ sprechenden Personen (30 %) immer noch grösser als dasjenige der „immer spanisch“ sprechenden Gruppe (24 %). Allerdings wird oft je nach Kontext von der einen Sprache zur anderen gewechselt, dabei entstehen Mischformen, die abwertend als Castrapo bezeichnet werden. Viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen schreiben denn auch in beiden Sprachen (z. B.  die Lyrikerin Luisa Castro), übersetzen sich zumindest teilweise selbst oder gegenseitig.

Galicisch ist eine romanische Sprache, die dem Portugiesischen näher verwandt ist als dem Spanischen. Das Galicisch kennt verschiedene Dialekte und wird außer in Galicien selbst (und in den galicischen Emigrationszirkeln in aller Welt) auch in vereinzelten Zonen in Portugal, Asturien, Castilla de Leon oder Extremadura gesprochen. Allerdings wurde die Sprache zum Zweck der Erhaltung normativisiert und aus den unterschiedlichen Dialekten wurde eine Art Standardsprache entwickelt, die heute vor allem für den schriftlichen Gebrauch maßgebend ist.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass galicische Literatur immer auch ein Kampf um die galicische Sprache selbst ist, die ihrerseits in einem engen Zusammenhang mit einem identitären Bewusstsein steht. In der Geschichte der galicischen Lyrik nimmt denn auch das Ringen um eine nationale Selbstbehauptung eine wichtige Rolle ein. Die moderne galicische Literatur entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus diesem Zusammenhang heraus und manifestierte sich als eigentliche kulturelle Bewegung: o Rexurdimento (das Wiederaufleben). Sie machte sich die Aufwertung der galicischen Sprache und Traditionen zum Ziel, indem diese nicht nur gepflegt, sondern auch wissenschaftlich untersucht und aufgezeichnet wurden, beinhaltete aber auch ganz bewusst eine politisch motivierte Suche nach Selbstbestimmung.

Rosalía de Castro als literarische Leitfigur

Heute wird der 1863 herausgegebene Gedichtband „Cantares galegos“ als eines der wichtigsten Werke jener Zeit erachtet, da es nicht nur die regionalen Traditionen in galicischer Sprache lyrisch beschreibt, sondern den eigentlichen Grundstein für die Lyrik in galicischer Sprache legte. Geschrieben wurde es von Rosalía de Castro (1837-1885), die heute als die herausragendste Dichterin Galiciens gilt. Trotz ihres Engagements für die galicische Sprache hat auch sie einen Teil ihres Werks in Spanisch geschrieben und wird auch in der spanischen Literatur als eine der Wegbereiterinnen für die moderne Lyrik geachtet. Als uneheliche Tochter einer verarmten Adligen und eines Pfarrers, später siebenfache Mutter mit stets schwacher Gesundheit und in immer prekären finanziellen Verhältnissen, kannte Rosalía Ausgrenzung und Armut nur zu gut. Deshalb thematisierte sie in ihren Lyrik- und Prosaarbeiten immer wieder soziale Verhältnisse und die unwürdigen Bedingungen des Frauseins, was in jener Zeit als neuartig und bahnbrechend galt. Auch die Thematisierung der Emigration aufgrund der sozialen Misere war modern. Heute wird Rosalía de Castro in ihrer Heimat als wichtigste Leitfigur der galicischen Literatur und als galicische Identitätsfigur schlechthin verehrt, was dazu führt, dass ihr Werk ungewöhnlich lebendig und präsent ist. Rosalía de Castro wird jährlich gefeiert, ihr Werk rezitiert und gelesen, unzählige Schulen, Bibliotheken und öffentliche Institutionen nach ihrem Namen benannt.

Xela Arias als Vorreiterin der aktuellen galicischen Lyrik

Wenn dieses Jahr am 17. Mai der Dichterin und Übersetzerin Xela Arias (1962-2003) gedacht wird, ist sie aber trotz dieses dominant weiblichen Einflusses erst die fünfte Frau in der fast 60-jährigen Tradition des Tags der galicischen Sprache und Literatur, der diese Ehre erwiesen wird. Im Gegensatz zu Rosalía de Castro, für die die Natur eine der wichtigsten Inspirationsquellen darstellte und deren politische Meinungsäußerung vor allem in der kritischen Beobachtung bestand, war Xela Arias eine auf den urbanen Raum bezogene Sprachkünstlerin, die auch die Nähe zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen, besonders der Musik und der Fotografie suchte, und die ihr politisches Engagement sehr direkt zum Ausdruck brachte. Dennoch gibt es gewisse Parallelen zwischen den beiden Dichterinnen: Gerade durch diese experimentelle Mischung künstlerischen Ausdrucks, durch die Suche nach neuen Formen der Verbalisierung, die einen viel direkteren Kontakt mit dem Publikum bedingte, gilt Xela Arias heute als eine Vorreiterin der Erneuerung der galicischen Lyrik, die später in den 90-er Jahren in feministischen, ökologischen und sehr experimentellen Diskursen ihren Höhepunkt fand. Rund hundert Jahre später als Rosalía führte Xela Arias neue Thematiken in das männlich dominierte Lyrikschaffen ein, die unter anderem das Frausein und die weiblichen Bedingungen in der Gesellschaft (z. B. der Mutterschaft und Berufstätigkeit) beleuchteten.

Dieser eigentliche Boom der galicischen Lyrik Ende des 20. Jh. führte zu einer starken Diversifizierung sowohl bezüglich der Thematiken wie der ästhetischen Formen. Auch heute ist die galicische Lyrikszene sehr lebendig, vielseitig und stützt sich nicht nur auf die individuelle Arbeit einer Unzahl von Menschen, die sich lyrisch ausdrücken wollen, sondern auch auf engagierte Verlagsarbeit und literaturwissenschaftliche Bemühungen, die galicische Literatur promovieren und vermitteln. Zudem wird die Poesie in unzähligen kleinen Live-Veranstaltungen, auf Festivals und seit Beginn der Pandemie auch auf verschiedenen Kanälen telematisch zelebriert, was ihrer Entwicklung und ihrer sozialen Integration als Bestandteil gelebter Kultur förderlich ist. Die dynamische Vielseitigkeit nährt sie sich zu einem Teil gerade aus dem ständigen Dialog über die Sprachgrenzen hinaus, die mitten durch die Individuen und mitten durch die galicische Kultur verläuft. Doch dort, wo die Sprache als prekäres Gut erkannt wird, dort wo um sie gekämpft werden muss, wird sie auch bewusster gepflegt, was oft auch in der Literatur von Migrant:innen zu bemerken ist. Dort wo eine Sprache bedroht ist, wird Dichtung unvermeidlich zum literarischen Widerstand und zum Instrument von Selbstfindung und Selbstbestimmung.

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