Ausnahmezustand? Eine italienische Perspektive

20.06.2020

Ein international breit wahrgenommener Beitrag zur (philosophischen) Corona Diskussion stammt vom italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Die darin formulierte Kritik gründet sich auf eine Wahrnehmung, die der spezifisch italienischen Situation entsprang: In Italien habe ein „Ausnahmezustand“ dazu geführt, dass eine Unterordnung aller Lebensbereiche unter die Ansteckungsvermeidung verordnet wurde. Unabhängig von der Stärke nationaler Maßnahmen ergeben sich daraus Anknüpfungspunkte auf einer theoretischen Ebene.

Ausnahmezustand? Eine italienische Perspektive

Tatsächlich stellte sich die Situation in Italien so dar, dass (wirklich) kein Geschäft mehr geöffnet war (auch kein Restaurant zum Mitnehmen). Weder ein Spaziergang, noch Sport oder frische Luft waren erlaubt. Die notwendigen Erledigungen waren nur mit ‚Passierschein‘ (autocertificazione) und unter Angabe der Gründe, sowie in nächster Umgebung des Aufenthaltsortes erlaubt. Lebenspartner*innen, Familien durften zeitweise nicht die Gemeinde wechseln, um sich (wieder) zu treffen, oder den Aufenthaltsort in Richtung der eigenen Wohnung verändern. Es erscheint nicht unangemessen, hier von einer Unterordnung aller Lebensbereiche unter die Vermeidung der Ansteckungsgefahr zu sprechen, oder von einem „Ausnahmezustand“.

Theoretische Anknüpfungspunkte

Eine grundlegende theoretische Definition Agambens ist diejenige des „nackten“ Lebens (nuda vita). Damit bezeichnet wird die Konstitution einer aus der römischen Geschichte entnommenen Figur, des homo sacer. Gemeint ist, dass eine Person der Willkür durch einen Souverän ausgeliefert ist (bzw. vielmehr denjenigen, die diesen vertreten, d.h. den „Techniker[n] der Macht“, Lembcke 2016: 216). Diese Person kann sich aber gleichzeitig nicht auf Rechte berufen. Sie ist insofern vom Recht aus, aus dem Recht ausgeschlossen. Das instruktivste Beispiel für ein solches „nacktes Leben“ im „Ausnahmezustand“ (d.h. hier: von der Berufung auf Rechte ausgenommen) sind dabei heute wohl die Lager auf den griechischen Inseln. Die Menschen auf diesen Inseln bewegen sich innerhalb der rechtlichen Ordnung der EU, sind innerhalb des Rechtsraumes jedoch jeder (staatlichen wie teilweise auch nichtstaatlichen) Willkür ausgeliefert.

Die Grundidee eines homo sacer, also einer Person, die durch das Recht von der Einklagbarkeit seiner (Menschen-)Rechte ausgeschlossene wird, könnte vor dem Hintergrund extremer, teils schwierig begründbarer Maßnahmen in wenigen EU-Ländern wie Italien, noch eindeutiger aber aufgrund ihrer Begleiterscheinungen (Umgang mit Geflüchteten) durchaus Anknüpfungspunkt auf einer gesellschaftstheoretischen Ebene sein. Die Beobachtung eines „ausgeliefert seins“ gegenüber der staatlichen Gewalt und potenziell auch ihrer Willkür, war in Italien vor dem Hintergrund der starken Maßnahmen zumindest nachvollziehbar (das gilt für Deutschland wohl nicht).

Der Schutz von Menschenleben ist das höchste gesellschaftliche Gut. Er entbindet jedoch nicht von der Verpflichtung, die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen von Grundfreiheiten zu überprüfen (soweit so klar). Gemeint ist damit sicher nicht die Forderung einer möglichst schnellen Rückkehr zur ‚Normalität‘. Vielmehr ist es die Erwartung einer nachvollziehbaren internen Struktur und einer angemessenen Intensität von Maßnahmen. 

 

Der Autor hat die Zeit der Quarantäne in Florenz verbracht. Die geschilderten Eindrücke spiegeln daher die eigene Wahrnehmung.

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in Essays  |  by Marco Schmandt

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